quinta-feira, 11 de setembro de 2014

Schleuse? What the hell is that? - Text in German

Alles fing damit an, dass ich zu einer einwöchigen Bootstour auf der wunderschönen mecklenburgischen Seenplatte eingeladen wurde.

Für jemanden wie mich, der noch nie woanders, als in einem Bett geschlafen hat, hört sich so etwas erst mal aufregend, aber auch ein bisschen furchterregend an: eine so lange Zeit auf einem Boot zu schlafen,  zu essen, zu trinken, und seinen natürlichen Bedürfnissen auf einem Boot nachgehen zu müssen, ohne dass fester Boden um einen herum ist. 
Also habe ich erst mal einen Monat nachgedacht und nach einigen Überlegungen kam ich dann doch zu dem Schluss, dass es eine ganz nette Erfahrung sein könnte, ruhig über sanftes Wasser zu tuckern, so ganz ohne große Überraschungen, ohne Bedrohungen, ohne Stress – dachte ich. 

An einem sonnigen Samstag verließen wir Berlin in einem Auto mit Lebensmitteln für eine Woche und waren knapp 2 Stunden später in der Marina in Fürstenberg. Erst dort erfuhr ich, dass wir zwischen den Seen unzählige Schleusen passieren müssten. Was um Himmels willen sind denn "Schleusen"?


©Karla Maragno

WAS? What the hell is this?"

Ein schneller Blick in mein Portugiesisch-Deutsches Wörterbuch zeigte mir, dass es sich um eine 'eclusa' handele, eine Art Lift für Boote zwischen den Seen, deren  Höhenunterschiede überwunden werden mussten. Noch keine Reaktion bei mir. Ich fragte mich nur, wie dieses Ding unsere Bootsfahrt beeinflussen könnte, wusste aber auch, dass ich nicht spekulieren sollte, und nur in der Praxis herausfinden könnte, was dieses Ding  bedeutet. Und so war es auch.
Und gleich am ersten Tag nach 15 Minuten Bootsfahrt kam meine erste Schleuse. 

© Karla Maragno



Um das Boot in der Schleuse ruhig zu halten, muss jemand mit einem Bootshaken das Boot erst vorne in der Schleuse an einer Stange oder einem Ring stoppen, dann eine Seil durch den Ring fädeln und das Boot mit dem Seil halten. Es gab aber nur zwei Leute auf unserem Boot, und da der andere fahren musste, war das Ganze also meine Aufgabe.

"Wie meinst du, ich muss mit dem Haken dahinten rüberreichen, dann das Seil nehmen und das Boot halten", fragte  ich, "das kann ich nicht."

Aber, ob ich es konnte oder nicht, wenn nicht ich es tun würde, würde der nächste See für uns unerreichbar bleiben. 

OK. Meine erste Schleuse klappte großartig. Sie war relativ klein und es gab nur ein paar Boote, die stillhalten mussten.
"Anfängerglück", dachte ich im Stillen, aber ohne große Illusionen.




Am nächsten Tag eine Überraschung. Eine lange Schlange von Booten vor der Schleuse, durch die wir durch mussten. In den Sommermonaten kann das schon mal vier Stunden Warten bedeuten - und damit ergab sich eine neue Herausforderung.

©Karla Maragno


Die Boote müssen beim Vorrücken hintereinander gehalten werden. Und dazu zielt  man beim Vorrücken, mit dem Seil in der Hand, auf einen der vielen Pflöcke, die am Rand eingerammt sind und macht dann eine Schlinge herum. Und wieder muss man das Boot halten, vor allem aufpassen, dass man nicht das Boot vor einem rammt und auch nicht über eines der tausenden von Kanus fährt, die rund um einen im Wasser sind. Ich muss zugeben, bei den ersten Pflöcken hatte ich nur den einen Gedanken: "warum besuche ich eigentlich nicht gerade ein Museum?" 

©Martin Hagemann


©Karla Maragno
Wenn die Schlange lang ist, bedeutet es, dass man das Lasso immer wieder auf Pflöcke werfen muss, denn die Boote rücken langsam Richtung Schleuse vor, bis man selber an der Reihe ist, in die Schleuse einzufahren. Das bedeutet jedes Mal, das Seil loszumachen und an einem weiter vorne liegenden Pflock per Lasso Wurf wieder festzumachen. Nach ein paar Tagen merkte ich, dass die Schlange während des Urlaubs auf den Seen auch Spaß macht. 
Ich fand den Umgang und den Respekt unter den Leuten beeindruckend. Und wie ruhig es in diesen Warteschlangen ist. Die Leute lesen, putzen ihr Boot, essen, legen sich in die Sonne, schlafen ein bißchen, machen alles mögliche, aber stören niemals die anderen. 



Ich habe mich gefragt, wie das ganze wohl in einer Schlange in Brasilien gewesen wäre. Es fiel mir schwer, mir  alle Brasilianer ruhig lesend auf ihren Booten vorzustellen. Vor meinem inneren Auge sah ich alle Boote, auf jedem verschiedene, vor allem aber laute Musik. Es amüsierte mich, mir vorzustellen, wie die Leute auf ihren Booten tanzten und sich alle möglichen Unbekannten miteinander unterhielten. 

Zurück zu meiner ersten Erfahrung in einer großen Schleuse. Nach einiger Zeit in der Schlange, Pflock um Pflock bis in die Schleuse, gelang es mir dann nicht in derselben das Boot zu halten, nachdem wir reingefahren waren. Wir rammten fast das Boot neben uns, Panik brach aus. Ich hörte, wie Leute mir laut Anweisungen gaben, ich solle das Boot halten. Ich hielt es mit aller Kraft, aber es reichte einfach nicht. Ich war sehr irritiert, wie sie insistierten, ich solle das Boot halten. "Sehen die Leute denn nicht, wie ich mich anstrenge? Das Boot wollte einfach nicht, das ist doch nicht meine Schuld!" Dann bekamen wir Hilfe. Ein Mann sprang auf unser Boot und versuchte, ein Desaster zu verhindern. Ein anderer sprang am Rand der Schleuse mir bei und hielt das Boot mit kurzer Leine, ein Riesendurcheinander, währenddessen ich meine neueste Entdeckung verfluchte: Schleuse!

© Martin Hagemann



Als die Situation unter Kontrolle war, drehte ich allen in der verdammten Schleuse den Rücken zu und weigerte mich, an der Unterhaltung teilzunehmen und mir die Kommentare zu dem, was passiert war, anzuhören. Die Leute auf dem Nachbarboot luden uns zum Abend auf ein Bier ein, andere versuchten es mit einem anderen Thema, aber alles, was ich wollte, war aus dieser Hölle rauszukommen. Ich  brauchte eine Weile drüber wegzukommen, aber dann begriff ich, dass die meisten selber keine Ahnung von Pflöcken, Seilen und Bootshaken usw. hatten. So viele haben keine Ahnung, dass es an jeder Schleuse Zuschauer gibt, die sich das Spektakel anschauen, vor allem von den Brücken aus, weil man dort die beste  Aussicht auf den garantierten Spaß hat.

Auf den meisten Booten machen die Frauen vorne diese Arbeit, während sie von ihren Männern angeleitet werden. Es ist mehr oder weniger immer das gleiche. Man sieht ein Boot herankommen, und vorne steht eine angespannte Frau mit einem Seil in der Hand. Kurze Zeit später Kommandos oder auch Schreie der Männer Richtung ihrer Frauen, sie mögen mit gutem Lasso Wurf rund um den nächsten Pflock oder Haken das Boot gefälligst zum Halten bringen, während das Publikum diese durchgedrehten Szenen genießt.

Uns wurde die Geschichte eines Ehepaars auf Hochzeitsreise erzählt, die sich dazu ein Boot gemietet hatten. Am Ende der Woche - nach den Schleusen - war die Ehe schon beendet.
Ja, diese Macht haben sie. Im Vergleich mit den Seen stehlen die Schleusen diesen oft die Show. Sie sind was ganz eigenes in dieser Gegend, zahlreich, endlos. Es kann passieren, dass man an einigen Tagen durch sechs von ihnen durch muss. Unglaublich. 
Und wenn man sich darüber beschwert, dass der Schleusenwärter unfreundlich und völlig ungeduldig ist, dann stellt man plötzlich fest, dass es noch schlimmer kommen kann. Denn wenn man weiß, dass in Deutschland vieles mit  Selbstbedienung passiert, dann hätte ich mir denken können, dass es auch Schleusen mit Selbstbedienung gibt. In denen wird es richtig kompliziert, denn neben dem Lasso werfen, dem Pflock und dem Halten des Bootes muss man dann auch noch die Schleuse bedienen, sie aufmachen und wieder schließen. Die Leute sind total beschäftigt, gestresst, verwirrt und die Schlange wird noch länger. 

© Karla Maragno


Aber dann kann man weiterfahren, kann feiern, dass man es geschafft hat, auf und ab springen, singen, die Landschaft genießen und vergessen, was passiert ist. 

Wie auch immer - nachdem wir jeden Tag durch mehrere Schleusen gefahren waren, hatte ich vieles erlebt: zwischen dem Spaß, den das Ganze macht, und dem Alptraum, der es auch sein kann bis zu den fernen Erinnerungen an das erste Trauma: What the hell are "Schleusen"? Zwischen all diesen Extremen gewöhnt man sich schließlich dran. Ich kann nicht sagen, ob ich sie mag oder nicht, aber sie sind definitiv etwas Besonderes. Sie waren Teil der Ferien in diesen wunderschönen See; man kann sie eh nicht ändern, außer man besucht die Seen vom Land aus. Das ist auch sehr besonders, aber es ist auch etwas ganz anderes, die Schönheit dieser Gegend von außen, mit Blick auf die Seen, zu genießen. Und nur wenn man sie, die Schleusen, erlebt hat - egal ob man sie mag oder nicht -, wird man feststellen, dass es sich trotz allem Stress gelohnt hat.


©Martin Hagemann

Diese Seen sind fest in deutscher Hand. Wir haben jedenfalls keine andere Sprache als Deutsch gehört, noch nicht mal Englisch. Die Fahnen auf den Booten sind auch fast alle schwarz-rot-gold. Einmal haben wir ein paar Russen, Polen und auch Schweizer getroffen, aber Brasilianer? Ich hab' keine gesehen, aber ein  "gringo às avessas" war offensichtlich bemüht, sein Territorium mit der brasilianischen Fahne zu markieren. Oder war es ein Überbleibsel der Fussball-Weltmeisterschaft?

Translate by Martin Hagemann

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