Alles
fing damit an, dass ich zu einer einwöchigen Bootstour auf der wunderschönen
mecklenburgischen Seenplatte eingeladen wurde.
Für
jemanden wie mich, der noch nie woanders, als in einem Bett geschlafen hat,
hört sich so etwas erst mal aufregend, aber auch ein bisschen furchterregend an:
eine so lange Zeit auf einem Boot zu schlafen, zu essen, zu trinken, und
seinen natürlichen Bedürfnissen auf einem Boot nachgehen zu müssen, ohne dass
fester Boden um einen herum ist.
Also
habe ich erst mal einen Monat nachgedacht und nach einigen Überlegungen kam ich
dann doch zu dem Schluss, dass es eine ganz nette Erfahrung sein könnte, ruhig
über sanftes Wasser zu tuckern, so ganz ohne große Überraschungen, ohne
Bedrohungen, ohne Stress – dachte ich.
An
einem sonnigen Samstag verließen wir Berlin in einem Auto mit Lebensmitteln für
eine Woche und waren knapp 2 Stunden später in der Marina in Fürstenberg. Erst
dort erfuhr ich, dass wir zwischen den Seen unzählige Schleusen passieren
müssten. Was um Himmels willen sind denn "Schleusen"?
WAS?
What the hell is this?"
Ein
schneller Blick in mein Portugiesisch-Deutsches Wörterbuch zeigte mir, dass es
sich um eine 'eclusa' handele, eine Art Lift für Boote zwischen den Seen, deren
Höhenunterschiede überwunden werden
mussten. Noch keine Reaktion bei mir. Ich fragte mich nur, wie dieses Ding
unsere Bootsfahrt beeinflussen könnte, wusste aber auch, dass ich nicht
spekulieren sollte, und nur in der Praxis herausfinden könnte, was dieses
Ding bedeutet. Und so war es auch.
Und
gleich am ersten Tag nach 15 Minuten Bootsfahrt kam meine erste Schleuse.
Um
das Boot in der Schleuse ruhig zu halten, muss jemand mit einem Bootshaken das
Boot erst vorne in der Schleuse an einer Stange oder einem Ring stoppen, dann
eine Seil durch den Ring fädeln und das Boot mit dem Seil halten. Es gab aber nur
zwei Leute auf unserem Boot, und da der andere fahren musste, war das Ganze
also meine Aufgabe.
"Wie
meinst du, ich muss mit dem Haken dahinten rüberreichen, dann das Seil nehmen
und das Boot halten", fragte ich, "das kann ich nicht."
Aber,
ob ich es konnte oder nicht, wenn nicht ich es tun würde, würde der nächste See
für uns unerreichbar bleiben.
OK.
Meine erste Schleuse klappte großartig. Sie war relativ klein und es gab nur
ein paar Boote, die stillhalten mussten.
"Anfängerglück",
dachte ich im Stillen, aber ohne große Illusionen.
Am
nächsten Tag eine Überraschung. Eine lange Schlange von Booten vor der
Schleuse, durch die wir durch mussten. In den Sommermonaten kann das schon
mal vier Stunden Warten bedeuten - und damit ergab sich eine neue
Herausforderung.
Die
Boote müssen beim Vorrücken hintereinander gehalten werden. Und dazu zielt
man beim Vorrücken, mit dem Seil in der Hand, auf einen der vielen
Pflöcke, die am Rand eingerammt sind und macht dann eine Schlinge herum. Und
wieder muss man das Boot halten, vor allem aufpassen, dass man nicht das Boot
vor einem rammt und auch nicht über eines der tausenden von Kanus fährt, die
rund um einen im Wasser sind. Ich muss zugeben, bei den ersten Pflöcken
hatte ich nur den einen Gedanken: "warum besuche ich eigentlich nicht gerade
ein Museum?"
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©Karla Maragno |
Ich
fand den Umgang und den Respekt unter den Leuten beeindruckend. Und wie ruhig
es in diesen Warteschlangen ist. Die Leute lesen, putzen ihr Boot, essen, legen
sich in die Sonne, schlafen ein bißchen, machen alles mögliche, aber stören
niemals die anderen.
Ich
habe mich gefragt, wie das ganze wohl in einer Schlange in Brasilien gewesen
wäre. Es fiel mir schwer, mir alle Brasilianer ruhig lesend auf ihren
Booten vorzustellen. Vor meinem inneren Auge sah ich alle Boote, auf jedem
verschiedene, vor allem aber laute Musik. Es amüsierte mich, mir vorzustellen,
wie die Leute auf ihren Booten tanzten und sich alle möglichen Unbekannten
miteinander unterhielten.
Zurück
zu meiner ersten Erfahrung in einer großen Schleuse. Nach einiger Zeit in
der Schlange, Pflock um Pflock bis in die Schleuse, gelang es mir dann nicht in
derselben das Boot zu halten, nachdem wir reingefahren waren. Wir rammten fast
das Boot neben uns, Panik brach aus. Ich hörte, wie Leute mir laut Anweisungen
gaben, ich solle das Boot halten. Ich hielt es mit aller Kraft, aber es reichte
einfach nicht. Ich war sehr irritiert, wie sie insistierten, ich solle das Boot
halten. "Sehen die Leute denn nicht, wie ich mich anstrenge? Das Boot
wollte einfach nicht, das ist doch nicht meine Schuld!" Dann bekamen wir Hilfe.
Ein Mann sprang auf unser Boot und versuchte, ein Desaster zu verhindern. Ein
anderer sprang am Rand der Schleuse mir bei und hielt das Boot mit kurzer
Leine, ein Riesendurcheinander, währenddessen ich meine neueste Entdeckung
verfluchte: Schleuse!
Als
die Situation unter Kontrolle war, drehte ich allen in der verdammten Schleuse
den Rücken zu und weigerte mich, an der Unterhaltung teilzunehmen und mir die
Kommentare zu dem, was passiert war, anzuhören. Die Leute auf dem Nachbarboot
luden uns zum Abend auf ein Bier ein, andere versuchten es mit einem anderen
Thema, aber alles, was ich wollte, war aus dieser Hölle rauszukommen. Ich
brauchte eine Weile drüber wegzukommen, aber dann begriff ich, dass die
meisten selber keine Ahnung von Pflöcken, Seilen und Bootshaken usw. hatten. So
viele haben keine Ahnung, dass es an jeder Schleuse Zuschauer gibt, die sich
das Spektakel anschauen, vor allem von den Brücken aus, weil man dort die beste
Aussicht auf den garantierten Spaß hat.
Auf
den meisten Booten machen die Frauen vorne diese Arbeit, während sie von ihren
Männern angeleitet werden. Es ist mehr oder weniger immer das gleiche. Man
sieht ein Boot herankommen, und vorne steht eine angespannte Frau mit einem
Seil in der Hand. Kurze Zeit später Kommandos oder auch Schreie der Männer
Richtung ihrer Frauen, sie mögen mit gutem Lasso Wurf rund um den nächsten
Pflock oder Haken das Boot gefälligst zum Halten bringen, während das Publikum
diese durchgedrehten Szenen genießt.
Uns
wurde die Geschichte eines Ehepaars auf Hochzeitsreise erzählt, die sich dazu
ein Boot gemietet hatten. Am Ende der Woche - nach den Schleusen - war die Ehe schon
beendet.
Ja,
diese Macht haben sie. Im Vergleich mit den Seen stehlen die Schleusen diesen
oft die Show. Sie sind was ganz eigenes in dieser Gegend, zahlreich, endlos. Es
kann passieren, dass man an einigen Tagen durch sechs von ihnen durch muss.
Unglaublich.
Und
wenn man sich darüber beschwert, dass der Schleusenwärter unfreundlich und
völlig ungeduldig ist, dann stellt man plötzlich fest, dass es noch schlimmer
kommen kann. Denn wenn man weiß, dass in Deutschland vieles mit
Selbstbedienung passiert, dann hätte ich mir denken können, dass es auch
Schleusen mit Selbstbedienung gibt. In denen wird es richtig kompliziert, denn
neben dem Lasso werfen, dem Pflock und dem Halten des Bootes muss man dann auch
noch die Schleuse bedienen, sie aufmachen und wieder schließen. Die Leute sind
total beschäftigt, gestresst, verwirrt und die Schlange wird noch länger.
Aber
dann kann man weiterfahren, kann feiern, dass man es geschafft hat, auf und ab
springen, singen, die Landschaft genießen und vergessen, was passiert
ist.
Wie
auch immer - nachdem wir jeden Tag durch mehrere Schleusen gefahren waren,
hatte ich vieles erlebt: zwischen dem Spaß, den das Ganze macht, und dem
Alptraum, der es auch sein kann bis zu den fernen Erinnerungen an das erste Trauma:
What the hell are "Schleusen"? Zwischen all diesen Extremen gewöhnt
man sich schließlich dran. Ich kann nicht sagen, ob ich sie mag oder nicht,
aber sie sind definitiv etwas Besonderes. Sie waren Teil der Ferien in diesen
wunderschönen See; man kann sie eh nicht ändern, außer man besucht die Seen vom
Land aus. Das ist auch sehr besonders, aber es ist auch etwas ganz anderes, die
Schönheit dieser Gegend von außen, mit Blick auf die Seen, zu genießen. Und nur
wenn man sie, die Schleusen, erlebt hat - egal ob man sie mag oder nicht -,
wird man feststellen, dass es sich trotz allem Stress gelohnt hat.
Diese Seen sind fest in deutscher Hand. Wir haben jedenfalls keine andere Sprache als Deutsch gehört, noch nicht mal Englisch. Die Fahnen auf den Booten sind auch fast alle schwarz-rot-gold. Einmal haben wir ein paar Russen, Polen und auch Schweizer getroffen, aber Brasilianer? Ich hab' keine gesehen, aber ein "gringo às avessas" war offensichtlich bemüht, sein Territorium mit der brasilianischen Fahne zu markieren. Oder war es ein Überbleibsel der Fussball-Weltmeisterschaft?
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